Ausfahrt zu Chantilly Arts & Elegance

Benzinpumpen und Sahnehäubchen

Hildegard und Rolf hatten zu einer Ausfahrt nach Chantilly eingeladen und wer die beiden kennt weiß, dass es eine ganz außergewöhnliche Veranstaltung werden würde.
So trafen am Samstag nach und nach die angemeldeten Teams ein und überall waren erwartungsvoll frohe Gesichter zu sehen. Naja, fast. Der MK 1 von Gerd und Utami hatte schon bei der Anreise eine Gedenkpause eingelegt mit der vermuteten Ursache einer sporadisch ausfallenden Benzinpumpe. Das hatten Helmut und Brigitte bei ihrem E-Type Serie 2 schon im Vorfeld hinter sich gebracht und angesichts der fehlenden Erprobung, der langen Anreise von Österreich und der weiten Strecke in der Gruppe entschieden, doch lieber mit dem XK8 anzureisen.

Bei der Begrüßung stellte sich heraus, dass es einige Geburtstagskinder gab. Conny spendierte einen Geburtstagssekt und der ad-hoc gegründete Jaguar-Chor intonierte ein Ständchen. Nach der Ausgabe der Roadbooks ging es dann los, nach Chantilly!



Am Anfang... Einstimmung auf das Kommende



Wir waren sehr gespannt, hat doch das Schloss Chantilly einen legendären Ruf und sein Park übertraf seinerzeit sogar den königlichen Park von Versailles. Genau in diesem Schlosspark würde dieses Wochenende die wohl größte und schönste Oldtimerveranstaltung des Festlandes stattfinden, das absolute Sahnehäubchen der ganzen Ausfahrt!

Zunächst hieß es auf der Autobahn Strecke machen bis Reims. Leider zeigte sich dabei die Benzinpumpe des MK 1 von Gerd und Utami von ihrer bockigen Seite, so dass auch hier die Entscheidung fiel, die Fahrt mit dem XK8 fortzusetzen.
Nach der Mittagsrast begann dann das erste große Abenteuer: Wie erreicht man das Musée Automobile mitten in Reims ohne durch Umweltzonen zu fahren? Um 150 Meter Umweltzone auf einer 4-spurigen Straße zu vermeiden, kurvten wir auf kleinen, und bei versehentlicher Abweichung vom Roadbook auch auf kleinsten Straßen einen riesigen Umweg, nur um genau am anderen Ende der 150 Meter Umweltzone wieder auf die eigentliche Straße zurück zu kommen. Eine Missachtung kam bei Strafen von mehreren hundert € nicht in Frage, eine Genehmigung auch nicht. Die wird für Fahrzeuge älter als 15 Jahre nicht erteilt. Der Umwelt hat dieses Konstrukt ganz sicher nicht genutzt.



Letztlich bewältigten wir alle die Herausforderung und konnten das Musée Automobile besichtigen. Von außen unscheinbar, beinhaltet es einen wahren Schatz vor allem an französischen Fahrzeugen ab den frühesten Anfängen. Wie überall hatte es auch in Frankreich viele Marken gegeben, von denen die meisten heute in Vergessenheit geraten sind. Sogar eine frühe eigene französische Formensprache war erkennbar, der „Babysarg“ als Motorhaube. Noch aus meiner Kindheit in Erinnerung, sah ich hier die opulente Verwendung von Wellblech wieder, z.B. bei der Ente und einigen Lieferwagen. Solch eine Wellblechente stand auch in der großen Abteilung der Kinderfahrzeuge und war ohne Größenvergleich kaum vom Original zu unterscheiden und nicht viel kleiner als einige der gezeigten skurrilen Kleinstautos.
Leider war die Zeit für dieses Sahnehäubchen viel zu schnell um und wir strebten unserem modernen und komfortablen Stützpunkt für die nächsten 3 Tage entgegen, dem Best Western Plus Escapade in Senlis. Kurz vor Erreichen hörte der XK 120 von Hans und Martine auf zu streben und verweigerte die Weiterfahrt mittels, na klar, einer defekten Benzinpumpe. Irgendwie schafften sie es dann doch und wir konnten alle einchecken und uns später im Speisesaal zum Abendessen treffen. Danach begann für einige technisch Interessierte das gemeinschaftsfördernde Freilandschrauben im Mondschein, den Erzählungen nach mit zwischenzeitlicher Regen- und Benzindusche und anderen Überraschungen, aber leider ohne nachhaltigen Erfolg.
Am nächsten Morgen meinte es der Wettergott gut mit uns, der Regen hatte in der Nacht aufgehört und es versprach ein schöner Tag in jeder Hinsicht zu werden.



Rolf hatte das Kunststück geschafft, für uns als einzigem (!!!) ausländischen Club einen Platz im Schlosspark für die vor 1966 gebauten Autos zu organisieren. Und was für ein Platz: direkt am Schloßteich gelegen, mit dem französischen Jaguar-Club in zweiter Reihe hinter uns. Genial! Unsere jüngeren Katzen durften sich entlang der zentralen Schloss-Allee aufstellen und konnten von allen Besuchern bewundert werden, die zum Haupteingang gingen.
Zum Glück waren wir sehr rechtzeitig erschienen und hatten schon unsere Plätze eingenommen bevor der große Ansturm einsetzte. Als auch das laute Hupkonzert am großen Kreisel bei niemandem mehr für Vortrieb sorgte, tauchte plötzlich die berittene Polizei auf. Sicherlich aus Rücksicht auf die armen Tiere wurde es sofort merklich leiser und es ging seltsamerweise auch wieder vorwärts.
In der Zwischenzeit waren unsere Jaguars auf dem Platz dekorativ aufgestellt und das Picknick wurde aufgebaut. Wir hatten auf das Angebot des Veranstalters für gemietete Gartenmöbel verzichtet und stachen auch deshalb aus den doch recht uniformen Ständen der anderen Clubs heraus. Mit unserem Stand als Basislager verbrachte jeder den Tag anders, besichtigte die Autos, das Schloss, den Park, die riesigen Pferdeställe und freute sich an der entspannten und gediegenen Atmosphäre. Auf dem Stand ergaben sich viele interessante Gespräche und sogar ein spontanes Whisky-Tasting wurde zelebriert.



Ich will gar nicht versuchen, all die ausgestellten Pretiosen zu beschreiben, es waren einfach zu viele. Die Kombination aus dem wundervollen und riesigen Schlosspark mit all den schönen Autos war einmalig, und das Ganze vor der Kulisse des weltberühmten Schlosses. Allererste Sahne! Nicht umsonst steht „Crème Chantilly“ in der feinen Küchenwelt für gesüßte Schlagsahne.



Ein kurzer und heftiger Regenguss läutete das Ende dieser wundervollen Veranstaltung ein. Etliche französische Oldtimerfans wollten die Autos in Aktion sehen und hören. Sie säumten die Abfahrtsstraße und winkten uns begeistert zu.
Nach all den herrlichen Eindrücken hatten wir uns am Montag einen Ruhetag verdient, sei es für Ausruhen, Wellness oder für eine Besichtigung des mittelalterlichen Städtchens Senlis. Beim Gang durch die engen und verwinkelten Gassen versteht man, dass hier schon viele Filme gedreht wurden.



Am Dienstag ging es wieder zurück nach Deutschland. Der Wettergott hatte sich den Spaß gemacht, die Dichtheit unserer Autos ausgiebig auf die Probe stellen. Noch „spaßiger“ war die französische Autobahnmeisterei, welche die Nummerierung der Ausfahrten gerade in dem Bereich geändert hatte, an dem wir die Autobahn verlassen wollten. So in die Irre geleitet kamen wir fast 2 Stunden zu spät beim Margaretenhof in Überherrn an. Was für ein Jammer, waren doch leckere Tapas für uns vorbereitet, die wegen des Zeitdrucks niemand so richtig genießen konnte. Auch der herrliche Ausblick auf das Saarland fiel leider wortwörtlich ins Wasser.



Es musste weitergehen, schließlich stand ein weiteres Sahnehäubchen zur Besichtigung an, das Saar-Polygon. Diese begehbare Großplastik steht auf einer 130 Meter hohen Bergehalde der ehemaligen Zeche von Ernstdorf. Sie wurde 2016 erstellt und soll sowohl an den 2012 beendeten Bergbau im Saarland erinnern als auch ein Tor in die Zukunft symbolisieren. Es ist faszinierend wie man je nach Blickwinkel die Symbole des Bergbaus, Schlegel und Eisen, sieht, oder ein weites offenes Tor.
Die wechselhafte Geschichte des Saarlandes mit seinen Bodenschätzen wurde uns von einem ehemaligen Ingenieur der Zeche unterhaltsam nähergebracht („Es ging immer nur um (die) Kohle“), während wir mit einem großen Bus auf die Bergehalde gefahren wurden. Die Ängstlichen unter uns sorgten sich wegen des schmalen, steilen und unbefestigten Fahrweges, während Sascha wegen der Souveränität des Fahrers immer begeisterter grinste.
Oben bot sich ein überwältigendes Panorama über das Saarland, erst recht wenn man das 30 Meter hohe Denkmal bestieg. Wer wie ich das Saarland als schwarz verrußt, öde und beklemmend in Erinnerung hat, freut sich sehr über das andere, grüne Gesicht mit schöner Natur und kleinen Dörfern. Leider reicht das alleine nicht zum (Über-)Leben und die Saarländer müssen nach dem Ende des Bergbaus und der Verhüttung jetzt ein weiteres ökonomisches Desaster bewältigen: Ford wird in Saarlouis ab 2025 keine Autos mehr bauen.
Das Hotel Victor´s Residenz war nach kurzer Fahrt erreicht und wir ließen den ereignisreichen Tag bei einem wunderbaren Abendessen ausklingen.



Der letzte Tag war mit der Besichtigung der Völklinger Hütte noch einmal ein absoluter Höhepunkt bei dieser faszinierenden Ausfahrt. Die schiere Größe dieses weltweit einzigen vollständig erhaltenen Eisenwerkes aus der Blütezeit der Industrialisierung und UNESCO Weltkulturerbes ist überwältigend, ebenso wie die Leistungen der Architekten, Bauingenieure, Verfahrenstechniker, Maschinenbauer sowie der Arbeiter, die das alles erbauten. Aber auch die Arbeitsbedingungen waren unvorstellbar, zumal diese bis zur Stilllegung 1986 nicht substantiell verbessert wurden. Da seit dem Abschalten nichts verändert wurde, betritt man eine vergangene Zeit und fast schon eine vergangene Welt.
Viel zu schnell war die vorgesehene Zeit vergangen und damit auch diese absolut faszinierende Ausfahrt. Ganz herzlichen Dank Hildegard und Rolf, für eure Ideen und eure Arbeit! Ihr habt uns ein Sahnehäubchen nach dem anderen beschert und uns mit schönen Eindrücken gesättigt zurück gebracht.


Text und Bilder: Daniela und Joachim Brosi

Redaktion: Ingo Kauffmann